Viele Geschichten begegnen uns in der Advent- und Weihnachtszeit. Manche wollen uns Mut machen, das Wunder von Weihnachten neu zu entdecken, manche wollen moralisieren und uns einschärfen, was richtig und gut ist. Manche Geschichten wollen uns einfach nur in weihnachtliche Stimmung bringen.
Viele weihnachtliche Geschichten handeln vom Licht. Kein Wunder, dass uns diese Erzählungen - in einer Zeit, in der die Tage immer kürzer werden und die Finsternis der Nacht immer länger anhält - besonders berühren und uns manchmal auch ein kurzes Lächeln auf die Lippen zaubern.
Vielleicht vermag das auch diese kleine Geschichte, die ich Ihnen für die Advent- und Weihnachtszeit mitgeben möchte. Ich habe sie unter dem Titel "Die Halle der Welt mit Licht füllen" gefunden: Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, da wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger bestellen. Er versammelte die Weisen seines Landes und rief seine beiden Söhne herbei. Er gab jedem der beiden fünf Silberstücke und sagte: "Ihr sollt für dieses Geld die Halle in unserem Schloss bis zum Abend füllen. Womit, das ist eure Sache." Die Weisen sagten: "Das ist eine gute Aufgabe."
Der ältere Sohn ging davon und kam an einem Feld vorbei, auf dem die Arbeiter dabei waren, das Zuckerrohr zu ernten und in einer Mühle auszupressen. Das ausgepresste Zuckerrohr lag nutzlos umher. Er dachte sich: "Das ist eine gute Gelegenheit, mit diesem nutzlosen Zeug die Halle meines Vaters zu füllen." Mit dem Aufseher der Arbeiter wurde er einig, und sie schafften bis zum späten Nachmittag das ausgedroschene Zuckerrohr in die Halle. Als sie gefüllt war, ging er zu seinem Vater und sagte: "Ich habe deine Aufgabe erfüllt. Auf meinen Bruder brauchst du nicht mehr zu warten. Mach mich zu deinem Nachfolger." Der Vater antwortete: "Es ist noch nicht Abend. Ich werde warten."
Bald darauf kam auch der jüngere Sohn. Er bat darum, das ausgedroschene Zuckerrohr wieder aus der Halle zu entfernen. So geschah es. Dann stellte er mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis in die letzte Ecke hinein.
Der Vater sagte: "Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast sie mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem gefüllt, was die Menschen brauchen."
Auch wenn diese Geschichte in einer anderen Zeit und in einem anderen Land spielt, so kann sie doch auch für uns ihre Bedeutung haben. Sie kann uns eine Anregung sein, zu Weihnachten auch wieder einmal auf das Kleine, Unscheinbare, augenscheinlich nicht so Wertvolle zu achten - denn es kann eine viel größere Wirkung haben, als wir oft meinen, und kann viel dringender gebraucht werden, als wir erkennen.
Denn Weihnachten ist das Fest der Geburt unseres Erlösers Jesus Christus, der als kleines, unscheinbares Kind in unsere Welt kam - welche Wirkung hat er bis heute noch und wie dringend braucht unsere Welt das Licht dieses Erlösers!
Einen besinnlichen Advent und eine gesegnete Weihnachtszeit wünscht Ihnen
Ihr,
Pfarrer Michael Lattinger