OSR Erich Schrödl, der Archivar der Pfarrgemeinde, hat die Baugeschichte des Kirchengebäudes zusammengefasst.

Die Zeit des Bethauses am Allerheiligenplatz

Nachdem der bürgerliche Eisenhändler Christoph von Habermayer am 3. August 1834 auf eigene Kosten das Haus Nr. 162 (heute Allerheiligenplatz Nr. 1) für die damaligen evangelischen Glaubensgenossen um 4150 Gulden erwarb, brannte es beim großen Brand von Wiener Neustadt am 8. September 1834 vollständig aus. Der notwendige Umbau zum Bethaus konnte nur im Rahmen eines gründlichen Wiederaufbaus erfolgen.

Bethaus_1837_klDieser begann Mitte Jänner 1837 und nach vier Monaten konnte das neue Bethaus fertig gestellt werden. Ab dem Jahre 1852 kam es öfter vor, dass den Evangelischen in der Stadt bei Begräbnissen das Glockengeläut von der Katholischen Kirche verweigert wurde; so kam es zur Überlegung beim Bethaus einen eigenen Glockenturm zu errichten. Nachdem der Bau nicht verwirklicht werden konnte, wurde das bereits gesammelte Geld für einen Kirchenbaufonds verwendet. Dieser Fonds musste aber später zum Kauf eines Schulhauses verwendet werden, da die im Bethaus seit 1861 eröffnet Schule wegen Platzmangels schon 1865 in die Herrengasse Nr. 12 eingemietet werden musste.

1887 feierte man das 50-jährige Bestehen des Bethauses und es kam wieder zur Gründung eines Kirchenbaufonds, der zuerst aber zur notwendig gewordenen Umgestaltung des Bethauses verwendet werden musste. Dieser Fonds betrug 1894 2954 Gulden. Es gab dann Pläne und Überlegungen mit diesem Geld die als Weinlager verwendete Peterskirche zu kaufen. Der Bauzustand dieses Objekts war jedoch so schlecht und daher wurden diese Pläne 1895 wieder verworfen. Stattdessen wurden die beiden Grundstücke „Dreher- und Horakgarten“ für insgesamt 4325 Gulden im Jahre 1897 gekauft. Heute stehen die Kirche und das Pfarrhaus auf diesen Grundstücken.

Der Fonds war zum Großteil erschöpft und trotzdem konnten in den folgenden Jahren das Pfarrhaus und der Turnsaal für die Schule, allerdings mit großzügigen Spenden, gebaut werden. Als man für die Gottesdienste 1907 immer öfter den Turnsaal der Schule verwenden musste, dachte man wieder über einen Kirchenbau nach.

Der Baubeschluss

1907 wurden die ersten Pläne zum Bau einer neuen Kirche beraten und am 28. April 1908 beschloss das Presbyterium einstimmig einen Wettbewerb zum Bau einer Kirche auszuloben, der in den Zeitschriften „Österreichischer Ingenieur und Architektenvereins" und im „Bautechniker" veröffentlicht wurde.

Kirche_1911-45_klAus 44 eingegangenen Entwürfen, die binnen eines halben Jahres eingegangen waren, entschied sich das Presbyterium für das „PROJEKT WITTENBERG" der Architekten Siegfried Theiß und Hans Jaksch, Wien.

Das Bethaus konnte 1909 verkauft werden und so war das Grundkapital vorhanden, um den Bauauftrag an die Architekten Theiß und Jaksch zu erteilen. Mit den Bauarbeiten wurde im März 1910 Baumeister Schmidt aus Wiener Neustadt betraut. Am 16. Mai 1910 fand die feierliche Grundsteinlegung statt; noch vor dem Winter war der Rohbau unter Dach, im März 1911 wurde weitergebaut und am 9. April konnten die Glocken aufgezogen und geweiht werden.

Am 17. September 1911, im fünfzigsten Jahr des Bestehens der Pfarrgemeinde, wurde die Kirche von Superintendent Lichtenstettiner aus Schladming, eingeweiht.

 

Kurze Beschreibung der Kirche

(nach Kappus: „Die Evangelische Pfarrgemeinde Wiener Neustadt von ihren Anfängen bis zur Gegenwart“)

Vom Grabnerring aus tritt vor allem der mächtige Glockenturm in Erscheinung, der 50 Meter hoch ragt. Der Giebel an der Ostfront trägt neben symbolischem Schmuck an den Fenstern der Taufkappelle ein Christusrelief mit Verzierungen und Ornamentik des Jugendstils; ein Werk der Bildhauer Jung und Russ aus Wien.

Man betritt die Kirche und steht in der Turmvorhalle, von der aus der Aufgang zur Orgelempore, der Eingang zur Sakristei und schließlich in die Taufkapelle mit dem Taufstein, der das Thema Taufe mit Symbolen noch vertieft.

Von der Taufkapelle betritt man das eigentliche Langschiff, welches 350 Besuchern Platz bietet.Alte_Kirche_-_Altarraum_kl

Den künstlerischen und religiösen Schwerpunkt bildet der Altarraum. Das von Professor Otto Gussmann aus Dresden gemalte Altarbild zeigt Christus, „der durch die Lande schreitet, um den Menschen seine Botschaft zu verkünden. Die Jugendstilmalerei stammt von Professor Max Hellas, ebenfalls aus Dresden.

Durch das Moniergewölbe, das den ganzen Kirchenraum umspannt, wird eine gute Akustik erreicht. Altar, Kanzel und Orgel sind axial ausgerichtet.

Die Kanzel ist nur wenig erhöht, sodass der Prediger „inmitten der Gemeinde steht“. Die Wände sind hell, leicht grün getönt und mit einer einfachen Verzierung verschönt. Die Türverzierungen, Heizkörperverkleidungen, die Beleuchtungskörper, die Altardecke bis hin zum Buchdeckel der Altarbibel wurden von Otto Gussmann entworfen und von den Architekten und Bildhauern, Handwerkern und den Architekten als „Gesamtkunstwerk“ umgesetzt und verwirklicht.